Dr. med. Antje Kallweit
Ich freue mich sehr, die Arbeit der Deutschen Fibromyalgie Vereinigung künftig im wissenschaftlichen Beirat unterstützen zu dürfen.
Als Fachärztin für Anästhesiologie mit den Zusatzbezeichnungen Spezielle Schmerztherapie, Akupunktur und Notfallmedizin arbeite ich seit vielen Jahren mit Menschen, die unter chronischen Schmerzen leiden. Ich lebe mit meiner Familie in Schleswig-Holstein und beschäftige mich intensiv mit schmerzwissenschaftlicher Forschung und ihren praktischen Auswirkungen auf Patient:innen. Denn: Was nützt Forschung, wenn sie keinen Einfluss auf die tägliche Praxis und den Umgang mit Betroffenen hat? Genau das liegt mir am Herzen: die Umsetzung neuer Erkenntnisse in den Versorgungsalltag.
Die Versorgungssituation für Menschen mit chronischen Schmerzen ist nach wie vor schlecht. Gerade Patient:innen mit Fibromyalgie laufen oft von Arzt zu Arzt, fühlen sich nicht verstanden, werden von Fachgebiet zu Fachgebiet weitergereicht und landen am Ende nicht selten beim Psychotherapeuten – mit dem impliziten Signal, ihr Schmerz sei „psychisch“. Das ist nicht biopsychosozial, das ist entmutigend und abwertend – auch wenn es oft gut gemeint ist.
In meiner Schmerztherapie-Praxis an der Hohenluft in Hamburg behandle ich Patient:innen mit komplexen, häufig noziplastischen Schmerzmechanismen. Das sind Schmerzen, die nicht (mehr) durch eine körperliche Schädigung erklärbar sind, sondern durch Veränderungen in der Schmerzverarbeitung des Nervensystems entstehen.
Jeder Schmerz ist echt, und jeder Schmerz entsteht im Gehirn. Wenn wir diese Tatsache ignorieren, machen wir nicht nur schlechte Medizin, wir verpassen auch die große Chance, den Schmerz wirklich ursächlich zu behandeln. Dieses Verständnis ist die Grundlage moderner Schmerzmedizin: weg vom defekten Körperbild, hin zu einem dynamischen Modell, das Neuroplastizität, Emotionen, Erwartungen und Sicherheit als zentrale Einflussfaktoren begreift.
Mein besonderes Interesse gilt der Pain Reprocessing Therapy (PRT) und der Emotional Awareness and Expression Therapy (EAET) – Therapieformen, die auf aktuellen Erkenntnissen zur Neuroplastizität und zentralen Sensitivierung basieren und zeigen, dass Schmerz veränderbar und teilweise verlernbar ist. Diese Methoden zeigen besondere Wirksamkeit bei noziplastischen Mechanismen, wie sie der Fibromyalgie zugrunde liegen. Wir wissen heute deutlich besser, welche Rolle das Gehirn, Emotionen, Angst und Stress dabei spielen. Leider sind diese Erkenntnisse in der täglichen Versorgung und ärztlichen Kommunikation noch nicht überall angekommen. Ein veraltetes, rein biomedizinisches Schmerzverständnis führt weiterhin zu Fehlbehandlungen und unnötigem Leid.
Mit der von meinem Team und mir entwickelten digitalen Anwendung HELP möchten wir dazu beitragen, dieses Wissen in die Praxis zu bringen – niedrigschwellig, empathisch und wissenschaftlich fundiert. Ziel ist es, Menschen mit chronischen Schmerzen zu stärken, das Verständnis für die eigene Erkrankung zu fördern und Wege zu mehr Selbstwirksamkeit zu eröffnen.
Ich freue mich auf die Zusammenarbeit, auf den fachlichen Austausch und auf die gemeinsame Aufgabe, für Menschen mit Fibromyalgie mehr Sichtbarkeit, Verständnis und eine bessere Versorgung zu erreichen.
Herzlich,
Dr. Antje Kallweit
Fachärztin für Anästhesiologie
Spezielle Schmerztherapie
Partnerin Schmerztherapie an der Hohenuft, Hamburg
Gründerin & CEO HELP Mee Schmerztherapie GmbH, Hamburg