Auswirkungen der Coronakrise auf Menschen mit chronischen Schmerzen / Fibromyalgiesyndrom

|   Optimisten 01/2021

Prof. Dr. med. Winfried Häuser

Aus Sicht der Schmerzmedizin
Aus schmerzmedizinischer Sicht bestehen folgende soziale Gefahren der Coronakrise für Menschen mit chronischen Schmerzen (Karos et al., 2020):

  • Soziale Isolation und Vereinsamung
  • Vermehrte Nähe (durch Ausgangssperren und Quarantäne)
  • Reduzierter Zugang zu hochwertiger Schmerzbehandlung (z.B. multimodale Schmerztherapie. Während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 hatten die meisten schmerzmedizinischen Abteilungen geschlossen)
  • Zunahme sozialer Ungleichheiten (Kurzarbeit, Arbeitsplatzverlust im Niedriglohnsektor)

Einfluss der Infektion
In einer italienischen Studie mit 897 PatientInnen mit bekannten FMS von Februar bis Mai 2020, gaben FMS-PatientInnen mit Covid-19 stärkere FMS-Symptome an als solche ohne Covid-19 (Salaffi et al. 2020).

Einfluss des Lockdowns
An einer Onlinebefragung nahmen 502 SpanierInnen mit chronischen Schmerzen teil. Die meisten berichteten eine Zunahme der Schmerzen. An psychischen Belastungen wurden Jobunsicherheit, Zukunftsängste, Verluste von nahen Angehörigen und Infektionsängste genannt. Mehr als die Hälfte berichtete über die Einnahme höherer Dosen von Schmerzmitteln (Nieto et al., 2020).

In einer anderen spanischen Onlinebefragung berichteten 362 PatientInnen mit chronischen Schmerzen über die Zunahme von psychischem Stress auf Grund Problemen medizinische Behandlung zu erhalten, Unterbrechung täglicher Routinen und reduzierter sozialer Unterstützung (Serrano-Ibanez, 2020).

Eine italienische Studie wurde von März bis Mai 2020 in Mailand, einem der am schwersten betroffenen Gebiete in Europa in der ersten Coronawelle, während des Lockdowns bei 32 PatientInnen mit gesicherten FMS durchgeführt. 67% der PatientInnen gaben eine Zunahme und 33% der PatientInnen eine Reduktion der FMS-Symptome an. Die am häufigsten genannten Gründe für eine Verschlechterung waren Infektionsängste (bzgl. der eigenen Person als auch der von Familienangehörigen) und die Einschränkung körperlicher Bewegung. Die am häufigsten genannten Gründe für eine Verbesserung waren Reduktion von Arbeitsstress durch Heimarbeit und mehr Zeit, sich regelmäßig zu bewegen (Cavalli et al., 2021).

Die Daten aus Italien decken sich auch mit den Berichten von FMS-PatientInnen aus unserem Versorgungszentrum: Viele berichten über Zunahme von innerer Anspannung und Schmerzen auf Grund von Ängsten vor einer Infektion sowie negativen ökonomischen Konsequenzen der Lockdown-Maßnahmen (z. B. Kurzarbeit). Weiterhin wird das Bewegungstraining im Wasser (Schwimmbäder geschlossen) sowie das persönliche Treffen in den Selbsthilfegruppen vermisst. Einige PatientInnen berichten jedoch auch von positiven Effekten des Lockdowns im Sinne einer „Entschleunigung“, d.h. weniger „Stress“ durch Heimarbeit und „mehr Ruhe“ durch Reduktion sozialer Kontakte.

Positive Auswirkungen der Coronakrise auf die Patientenbehandlung
Welche positiven Aspekte in der Patientenversorgung hat die Coronakrise für mich? Meine Arbeitgeber im Krankenhaus und medizinischen Versorgungszentrum stellten im April 2020 innerhalb von kurzer Zeit die technischen Möglichkeiten für Videosprechstunden zur Verfügung. Was über mehrere Jahre angeblich technisch nicht möglich bzw. zu aufwendig war, war jetzt in kurzer Zeit möglich. Und die kassenärztliche Vereinigung erlaubte die Abrechnung – auch von größeren Umfängen von Videosprechstunde inklusive Psychotherapie.

Ich sehe folgende Vorteile in der Videosprechstunde:
Im Gegensatz zur Telefonsprechstunde sehe ich auch das Gesicht und die Körperhaltung des Gegenübers. Das erleichtert das Verstehen der Bedeutung einer Kommunikation. Im Gegensatz zur Maskenpflicht bei der Sprechstunde in der Praxis sehe ich das ganze Gesicht des Gegenübers, was bei dem Erkennen von Gefühlen hilft. Das Infektionsrisiko ist sowohl für die PatientInnen als auch für mich ausgeschaltet. Die PatientInnen sparen Zeit und Fahrkosten und entlasten so die Umwelt. Trotz dieser Vorteile ziehen die meisten unserer PatientInnen die Sprechstunde in der Praxis vor.
Das Angebot hochwertiger Angebote für Entspannungsverfahren und Bewegungstraining im Internet hat zugenommen.

Hoffnungen
Bleiben wir also miteinander verbunden – sei es im Kontakt unter Beachtung der AHAL-Regeln (Abstand, Hygiene, Maske, Lüften) und/oder über das Internet. Trotz aller Ausgangsbeschränkungen war Bewegung außer Haus (z.B. Walking, Spazierengehen, Fahrradfahren) in Deutschland bisher immer möglich. Viele Menschen haben das Wandern und Fahrradfahren für sich neu entdeckt. Nutzen wir den Digitalisierungsschub (Onlinetherapie) auch in Zukunft.
Hoffen wir, dass die Impfungen bald für alle Interessenten verfügbar sind und der Impfschutz lange anhält.

Literatur
Cavalli G, Cariddi A, Ferrari J, Suzzi B, Tomelleri A, Campochiaro C, De Luca G, Baldissera E, Dagna L. Living with fibromyalgia during the COVID-19 pandemic: mixed effects of prolonged lockdown on the well-being of patients. Rheumatology (Oxford). 2021 Jan 5;60(1):465-467.
Karos K, McParland JL, Bunzli S, Devan H, Hirsh A, Kapos FP, Keogh E, Moore D, Tracy LM, Ashton-James CE. The social threats of COVID-19 for people with chronic pain. Pain. 2020 Oct;161(10):2229-2235
Nieto R, Pardo R, Sora B, Feliu-Soler A, Luciano JV. Impact of COVID-19 Lockdown Measures on Spanish People with Chronic Pain: An Online Study Survey. J Clin Med. 2020 Nov 5;9(11):3558.
Salaffi F, Giorgi V, Sirotti S, Bongiovanni S, Farah S, Bazzichi L, Marotto D, Atzeni F, Rizzi M, Batticciotto A, Lombardi G, Galli M, Sarzi-Puttini P. The effect of novel coronavirus disease-2019 (COVID-19) on fibromyalgia syndrome. Clin Exp Rheumatol. 2020 Nov 16.
Serrano-Ibáñez ER, Esteve R, Ramírez-Maestre C, Ruiz-Párraga GT, López-Martínez AE. Chronic pain in the time of COVID-19: Stress aftermath and central sensitization. Br J Health Psychol. 2020 Oct 25.

Verfasser:

Prof. Dr. med. Winfried Häuser
Medizinisches Versorgungszentrum
für Schmerzmedizin und seelische Gesundheit
Saarbrücken-St. Johann, 66119 Saarbrücken