Fibromyalgie und chronische Schmerzen – Der „Kampf“ um das beste Konzept

|   Optimisten 04/2019

Vortrag Dr. Trunzer, Bad Rappenau
 

Menschen mit Fibromyalgie, aber auch mit anderen chronischen Schmerzen an der Wirbelsäule, am Kopf oder an den Gelenken können ein Lied davon singen.

In unserem Medizinsystem toben regelrechte Kämpfe: Ärzte bekämpfen Schmerzen – statt auf den ganzen Menschen einzugehen.

Patienten, Ärzte und Krankenkassen kämpfen um das Geld im Gesundheitswesen.

Patienten kämpfen um

  • eine angemessene Diagnose und eine angemessene Behandlung
  • all zu oft auch um Anerkennung, denn nach einer wahren „Odyssee“ von Arzt zu Arzt werden sie häufig als „Psycho-Patienten“ oder gar „eingebildete Kranke“ abgestempelt, nur weil unsere Medizin kein nachhaltig hilfreiches Konzept gefunden hat.
  • Auch Kampf um „Rente und Prozente“.

Bei wie vielen Fachärzten waren Sie schon?

Orthopäden:

  • Röntgen und Kernspin statt körperlicher Untersuchung.
  • Ausblendung psychosozialer Faktoren.
  • Sparen bei der Physiotherapie.
  • Vorschnelle Bandscheiben- und Gelenkoperationen.

Rheumatologe:

  • „Ausschluss einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung“ – wenn keine Entzündung da ist, fühlt er sich nicht mehr zuständig.

Neurologe:

  • Nervenmessungen, Schädel-CTs – wenn er nichts findet geht es bereits in Richtung Psychiatrie.

Psychiater:

  • Häufigste Diagnose „Depression“, Therapie mit Antidepressiva. Die Frage, wer war zuerst da – der Schmerz oder die Depression oder umgekehrt, wird oft gar nicht gestellt.

Oft kommen weitere Ärzte ins Spiel:

  • HNO-Arzt bei Kopfschmerzen.
  • Zahnarzt bei Kieferschmerzen/CMD (Craniomandibuläre Dysfuntkion)
  • Kardiologe bei Herzrasen.
  • Gastroenterologe bei Reizdarm/Reizmagen
  • Endokrinologe bei Erschöpfungssyndrom/Fatigue (z.B. Ausschluss einer Schilddrüsenfehlfunktion und hormoneller Störung)
  • Urologe bei Reizblase
  • Gynäkologe bei Unterleibsbeschwerden.

Fatal: All diese Fachrichtungen arbeiten oft nicht miteinander, sondern bestenfalls nebeneinander, ein fachübergreifender Informationsaustausch findet kaum statt. Manche Fachrichtungen arbeiten sogar gegeneinander, z. B. Orthopäden gegen Rheumatologen, Schmerztherapeuten gegen Psychiater usw.

Was sollte besser laufen?

Chronische Schmerzen sind immer ganzheitlich zu verstehen.

Unter Schmerztherapeuten ist es Konsens: Sobald Schmerz chronisch wird, und das gilt auch für das Fibromyalgie-Syndrom, gilt es, strikt nach dem ganzheitlichen bio-psycho-sozialen Konzept vorzugehen. In letzter Zeit spreche ich eher vom somato-biopsychosozialen Konzept, in Abgrenzung zur reinen Psychosomatik. Denn Schmerz ist immer primär körperlich – somatisch – ausgelöst, Psychosoziale Faktoren beeinflussen aber die Schmerzverarbeitung.

Das heißt:

Individuelle Fallanalyse auf den 3 wichtigen Ebenen:

  • Körper
  • Psyche, Persönlichkeit und Lebensgeschichte
  • Soziale Einflussfaktoren (Beruf, Familie)

Wer von Ihnen war schon einmal bei einem Arzt, der konsequent alle diese 3 Risikoebenen abgefragt und auf Sie persönlich bezogen analysiert hat?

Eine solche Analyse dauert mindestens eine Stunde. Diese Zeit hat im regulären Versorgungssystem heute kaum noch ein Arzt.

Die verschiedenen Fibromyalgie-Konzepte:

Krankheit, oder Syndrom, körperlich oder psychisch - oder was?

Unsere derzeitige Vorstellung von der Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen: Es gibt keine Einzelursachen, sondern es addieren sich mehrere Risikofaktoren im Laufe des Lebens. Viele Schmerzen entstehen langsam schleichend. Dann kommt oft noch ein Auslöseereignis hinzu, um „das Risikofass“ zum Überlaufen zu bringen.

Ich habe hier drei Modelle entwickelt:

  1. das Puzzle-Modell: Viele Einzelfaktoren summieren sich
  2. das Modell der fließenden Übergänge – es beginnt oft schleichend
  3. das Waagen-Modell: Lange beißt man sich durch - bis die Balance kippt.

Viele Schmerzerkrankungen, speziell auch Fibromyalgie, sehen von der Symptomatik her gleich aus. Dauerschmerz an vielen Stellen, Erschöpfung und viele anderen vegetative Störungen.

  • Die körperlichen Befunde zeigen einzelne Risikofaktoren, wie Überbeweglichkeit, Muskeldysbalancen, gestörtes Zusammenspiel von Faszien und Sehnen, Verschleiß und Bandscheibenschäden, Infektionen (Borrelien, Viren), hormonelle Faktoren u.v.m.
  • Diese reichen aber nicht aus, um die Schmerzstärke und die Schmerzausbreitung hinreichend zu erklären. Auch die vielgepriesene „Würzburger Studie“ (von 2012) mit dem Befund von Nervenentzündungen zeigt nicht die Ursache, sondern einen Teilaspekt im Ursachengefüge.
  • Vegetative Begleiterscheinungen, wie schwere Erschöpfung, Reizdarm, Reizblase usw. sind wahrscheinlich Ausdruck einer generellen Übererregbarkeit bzw. mangelnden Reizkontrolle im Nervensystem.

Psychosoziale Risikofaktoren spielen eine wichtige Rolle nicht in der Schmerzauslösung, sondern in der Art und Weise der Schmerzverarbeitung. Jeglicher Stress reguliert die Reizschwellen herunter.

Entwicklungsbiologisch hat ja Schmerz eine Schutzfunktion, wir müssen auf Schmerz reagieren, um zu überleben. Es gibt 3 archaische Grundmuster der Stressverarbeitung: fight-flight-freeze – alles hat mit Muskelstress zu tun! Dieser Stress kann bereits in der Kindheit angelegt sein, aber auch im Laufe des Lebens entstehen und sich aufsummieren: Traumatisierungen, Partnerkonflikte, Konflikte im Elternhaus, unsichere Bindungsverhältnisse, Gewalterleben bis hin zum sexuellen Missbrauch, Alleinerziehung,… Arbeitslosigkeit, berufliche Kränkungen…

Risiko-Persönlichkeitsfaktoren: Perfektionismus, Selbstwertdefizite, Durchhaltestrategien, mangelnder Selbstschutz …

Soziale Ebene: Stressberufe. Berufe mit einseitiger Belastung (PC-Arbeit!), Konflikte und Kränkungen am Arbeitsplatz, Konflikte mit Krankenkassen oder Rentenversicherung,

besonders schädlich: „Der Kampf um Rente oder Prozente“. Schmerzpatienten wollen nicht Renten, sondern halten oft überlange aus. Ein Schwerbehindertenausweis steht einem ggf. zu.
Oft kommt es zu langen Arbeitsunfähigkeitsphasen und dann als letzten Ausweg zum Rentenantrag. Sehr kränkend kann dann der Umgang mit Ämtern, Gerichten und Gutachtern ablaufen. Hilfe bekommt man von Schmerztherapeuten, die Erfahrung mit Sozialgerichtsgutachten haben, vom VdK oder von erfahrenen Anwälten.

Wohl gemerkt: Keiner dieser Einzelfaktoren führt zu einer chronischen Schmerzerkrankung – doch irgendwann kippt die „Waage“ um.

Zurück zum Kampf um die besten Konzepte:

Wenn chronischer Schmerz aus einer Summe individueller Risikofaktoren entsteht, wird auch klar, dass es keine „Patentkonzepte“ geben kann. Dies ist der große Denkfehler der Fachgesellschaften, die auch Leitlinien erstellen: Viele denken, Fibromyalgie sei eine einheitliche Krankheit – aber jeder auf seine Weise (überspitzt gesagt):

Orthopäden: Fibromyalgie gibt es nicht.

Neurologen: (manchmal), Fibromyalgie sei eine Art „Nervenentzündung“.

Psychiater: Somatoforme Störung oder Depression oder beides.

Psychosomatiker: Fibromyalgie sei eine psychosomatische Störung auf dem Boden von Konflikten und Traumatisierungen.
Rheumatologen: Fibromyalgie ist immer dann, wenn keine entzündlich-rheumatische Erkrankung vorliegt

Ich meine, Fibromyalgie ist ein komplexes Krankheitsgeschehen, das im Einzelfall erst einmal genau analysiert werden muss.

Ganz grob: Die körperliche Ebene bestimmt, wo es weh tut!

Die psychosoziale Ebene ist verantwortlich dafür, wie man mit den Schmerzen zurechtkommt (Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung) und wie stark der Schmerz empfunden wird (Einfluss von Stress auf Schmerzstärke).

Wir trennen in unserem Denken Psyche und Körper praktisch nicht mehr!

Folgerungen für das Versorgungssystem:

  1. Wir müssen dringend weg von der Aufsplitterung in Facharztrichtungen – hin zu einem ganzheitlich schmerztherapeutischen Konzept.
  2. Die Facharztrichtungen müssen deutlich besser kooperieren.
  3. Auch Nicht-Ärzte müssen besser integriert werden, Physiotherapeuten, Psychologen, Ergotherapeuten, Kunsttherapeuten können oft besser helfen, als Ärzte mit ihren Operationen und Medikamenten.
  4. Das Übermaß an Diagnostik (MRTs, Röntgen) und Operationen muss eingedämmt werden.
  5. Die Therapie von Mensch zu Mensch muss besser bezahlt und den Betroffenen häufiger ermöglicht werden.
  6. Die finanziellen Anreize in unserem Medizinsystem sind falsch – Radiologen verdienen an Massendiagnostik, Kliniken verdienen an Wirbelsäulenoperationen – diese sind ungerechtfertigter Weise sprunghaft angestiegen – etc.

Eine Warnung an Sie alle: Kampf und Krampf liegen oft nahe beisammen. Verkämpfen Sie sich nicht, lassen Sie sich aber auch nicht einschüchtern!

Menschen mit chronischen Schmerzen müssen oft um Anerkennung und um eine gute Therapie kämpfen. Wenn dieser Kampf zu verbissen geführt wird, führt dies zu Verbitterung, Resignation, ohnmächtiger Wut und Verzweiflung.

Deshalb: Bevor Sie verbittert werden, suchen Sie sich Unterstützung in Selbsthilfegruppen, z.B. bei der DFV, beim VdK oder auch bei aufgeschlossenen Ärzten und Therapeuten.

Dr. med. Peter Trunzer
Facharzt für Innere Medizin
Spezielle Schmerztherapie, Rehabilitationswesen; Naturheilverfahren,
Palliativmedizin, Chirotherapie, Homöopathie
Chefarzt der Mediclin Kraichgau-Klinik
Bad Rappenau
Tel. (07264) 802-122