Fibromyalgie-Information aus Südafrika

Neben derzeit vier Artikeln zum Thema Herzerkrankungen widmet sich der Blog „Fibromyalgia - healthy living at home“ in rund 200 Artikeln ausschließlich der Fibromyalgie und den Menschen, die darunter leiden. Eine ergiebige Quelle seriöser Information? Schon der erste Blick weckt Skepsis.

Die Startseite ist auf Afrikaans geschrieben, der Sprache südafrikanischer Buren und eine der Amtssprachen des Landes. Die Kommentare unter den Texten sind jedoch alle (soweit sie in einem ersten Blick geprüft werden konnten) in Englisch verfasst - doch es gibt für Leser gar keine Möglichkeit Kommentare zu posten. Ein Impressum, aus dem der Verantwortliche für die Inhalte hervor geht, gibt es auf der Seite auch nicht. Registriert wurde die URL der Webseite über namecheap.com - weshalb die Urheber auch auf diesem Weg nicht erkennbar sind.

Doch auch jenseits dieser bemerkenswert umfassenden Verschleierung der Quellen und Urheberschaft ist auch der Inhalt der Texte vielfach problematisch. Nun ist bei der Vielzahl der Texte auch die Vielfalt der behandelten Themen sehr weit gespannt - die Qualität allerdings auch. So schreiben die Autoren über „Backpulver für Fibromyalgie“ oder über „10 entzündliche Lebensmittel, die Sie bei Fibromyalgie vermeiden sollten“. Offensichtlich ist noch nicht überall bekannt, das Fibromyalgie keine rheumatisch entzündliche Erkrankung ist. Die Verbotsliste nennt Zucker, Milchprodukte, Öle und Transfette, Fleisch von Säugetieren, Mehl, künstliche Lebensmittelzusatzstoffe und all das Essen „auf das Sie empfindlich reagieren“ - sowie Alkohol. Wer nicht selbst auf die Weide will, sondern seine Speisen im Supermarkt besorgt, kann sich gar nicht daran orientieren. Letztendlich bedeutet so eine „Empfehlung“: An Deinem Leid bist Du selber schuld, denn Du hältst Dich ja nicht an unseren Rat. Solche Ratschläge sind Schläge aufs Selbstwertgefühl.

In dem Artikel „Ich bin Arzt mit Fibromyalgie. Das möchte ich den Leuten vermitteln“ behauptet eine Ärztin (weder ihr Name noch ihre Wohnort oder Land wird genannt, doch sie erwähnt, Autorin des Buchs The The FibroManual zu sein; es wäre dann Frau Dr. Ginevra Liptan), es sei im New England Journal of Medicine bislang erst ein Artikel erschienen, was das geringe Wissen der Ärzteschaft über Fibromyalgie erkläre. Doch das ist so nicht korrekt. Eine Suchanfrage auf der Seite dieser medizinisch-wissenschaftlichen Fachzeitschrift ergibt für die zurückliegenden 20 Jahre in 86 Artikeln zumindest einen Treffer „fibromyalgia“.
Ist tatsächlich Frau Dr. Ginevra Liptan Autorin dieses Artikels, verdeutlicht der Text die Tücken der Computerübersetzung. Viele Aussagen sind aufgrund der seltsamen Wortwahl wirr und verwirrend. Nur wer ohnehin schon sehr gut über Fibromyalgie, die Folgen für Betroffene und Behandlungsoptionen Bescheid weiß, kann erahnen, was die Autorin gemeint haben könnte. So eine Lektüre lohnt nicht - im schlechten Fall kann sie sogar in die Irre führen.

Ein anschauliches Beispiel für gut-schlechte Texte ist der Beitrag „Akute Fibromyalgie-Episoden: Auslöser, Symptome und Behandlung“. Der erste Absatz entspricht dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis über Fibromyalgie und den wissenschaftlichen Leitlinien. Doch schon unter „Auslöser von Fibromyalgie-Exazerbationen“ (rasante Verschlechterung des Gesundheitszustandes, vor allem bei Asthma gebräuchlich) nennt eine Auflistung „Temperatur- und / oder Klimaveränderungen“ und „Reisen und / oder Änderungen im Fahrplan“. Das ist wahrscheinlich auf eine Schludrigkeit des Übersetzungscomputers zurückzuführen. Denn die „Klimaververänderung“ meint hier sicherlich nicht eine Änderung des Klimas im Sinne von Klimawandel, sondern eine Änderung weiterer Faktoren wie Luftfeuchte oder Windgeschwindigkeit, die sich auf die „gefühlte Temperatur“ auswirken. Vergleichbar dürfte der Risikofaktor Fahrplanänderung eher die Änderung der Lebensgewohnheiten auf Reisen betreffen. Doch überprüfen kann man das leider nicht.

In keinem der geprüften Texte wurde ein wissenschaftliche Quelle konkret genannt oder gar verlinkt. Stets fehlt der Digital Object Identifier (DOI, auf deutsch einen Digitaler Objektbezeichner) als Quellenangabe nach internationalem Standard. Damit wäre es möglich, die Originalquelle und andere Texte, die sich darauf berufen, im Internet zu finden. So wird verhindert, die Aussagen nachzuvollziehen oder zu prüfen. Solche Texte vermitteln keine Informationen, sondern lediglich Behauptungen und Mutmaßungen der Autoren.

Das gilt auch für Texte, in denen sich Menschen mit Fibromyalgie wiederfinden, die das eigene Wissen und die eigene Befindlichkeit bestätigen. So liest sich der Artikel „Persönlichkeitsmerkmale von Menschen mit Fibromyalgie“ sehr angenehm - einerseits von Inhalt her, andererseits hat der Übersetzungscomputer einen guten Job gemacht. Für mitteleuropäische Leser ungewohnt ist der Duktus des Textes, der „den Betroffenen“ Charaktereigenschaften zuschreibt. Da sie stets positiv formuliert sind, werden die meisten Patienten bereitwillig zustimmen und sich mit dem Autor positiv verbunden fühlen.

Warum machen sich die Betreiber der Webseite so viel Mühe mit so großem Aufwand für so wenig seriöse Information? Wahrscheinlich weil die Texte auch Werbung für obskure Heilmethoden transportieren, beispielsweise mit Backpulver. Zudem öffnen die Texte beim Leser die Bereitschaft, sich auf seltsame Erklärungsansätze für Ursachen, Auslöser und Verstärker der Fibromyalgie und ihrer Symptome einzulassen - die dann wiederum deren Geldbeutel öffnet. So zum Beispiel im Text „Reinigen Sie Ihr Lymphsystem und vermeiden Sie Fibromyalgie, Fettleibigkeit, Schwellungen und mehr“. Hier wird erst Wissenschaftlichkeit simuliert, dann Angst geschürt und anschließend direkt für Chinesische Alternativmedizin geworben. Und zu allererst bilden alle diese Artikel den Rahmen für die in großer Menge eingeblendete Werbung.