Schmerzhaftes Herbstwetter

Ein Novemberwetter wie aus dem Bilderbuch: Grauer Himmel, Regen, Wind und nur sporadisch Sonnenschein, falls sich der Nebel verzieht. Derweil werden die lichten Tage rasch kürzer. So schrumpft die Zeit für eine Erwärmung des Bodens und der bodennahen Luftschicht durch Sonnenstrahlung. Es wird zunehmend kalt, feucht und finster. Für Menschen mit Fibromyalgie häufen sich Tage mit hoher Symptombelastung und starken Schmerzen.

Bei nasskaltem Wetter sinkt die gefühlte Temperatur noch deutlicher als der Thermometerwert. Die hohe Luftfeuchte bei Regen und kühler Lufttemperatur entzieht dem Körper Wärme. Wind verstärkt den Effekt. Das kann man im Freien unmittelbar spüren. Kälteschutzkleidung ist deshalb dick gepolstert und winddicht. Doch auch der Aufenthalt in geheizten Räumen garantiert keinen vollständigen Schutz vor dem garstigen Novemberwetter. Vielfach genügt ein Blick durchs Fenster auf das Schmuddelwetter draussen, dass man zu frösteln beginnt. Die Erinnerung an windige Regenkälte genügt, um Gänsehaut zu provozieren und allgemein die körperliche Reaktion auf Kältereize hervorzurufen. Für Menschen mit Fibromyalgie ist das besonders unangenehm.

Wer mit chronischen Schmerzen leben muss weiß, dass Kälteempfinden die Beschwerden verstärkt. Medizinisch-wissenschaftliche Veröffentlichungen zu diesem Effekt stützten sich bislang auf wenige Patienten oder einen sehr kurzen Beobachtungszeitraum. Eine kleine Studie an 200 Patienten stellte 2007 für einen Beobachtungszeitraum von 3 Monaten fest, dass die Schmerzbelastung aufgrund einer akuten Kniearthritis bei einem Temperaturabfall um 10°C spürbar anstiegen. Eine Untersuchung von 333 Fibromyalgie-Patientinnen zeigte dagegen keinen -Einfluss der Wetterbedingungen auf die Tagesmüdigkeit (Fatigue -Symptomatik), wobei jedoch lediglich eine Periode von 28 Tagen beobachtet wurde. Die Forscher zeigten sich in ihrem Fazit vom Ergebnis überrascht, da 92% der Menschen, die mit der Diagnose Fibromyalgie leben müssen, über einen spürbarem Einfluss des Wetters auf ihre Beschwerden klagen. 2014 erschien ein Bericht über den Zusammenhang zwischen Fibromyalgie-Schmerz und Wetter sowie den Einfluss psychosozialer Faktoren - für die in Norwegen 50 Patientinnen fünf Wochen lang dreimal täglich untersucht wurden. Auf dieser Grundlage gelang es den Forschern nicht, relevante Wetterparameter zu identifizieren, die eine Prognose der Symptombelastung erlaubten.

Nun liegt eine vergleichsweise große wissenschaftliche Studie mit 2.658 Schmerzpatienten vor, von denen über einen Zeitraum von 15 Monaten über eine Smartphone-App mit GPS-Unterstützung Daten erhoben wurden. Die Analyse ergab unter Berücksichtigung der Störgrößen aktuelle psychische Stimmung und körperliche Aktivität signifikante (statistisch auffällige) Korrelationen zwischen Schmerz und relativer Luftfeuchtigkeit, Luftdruck und Windgeschwindigkeit. Die Lufttemperatur hat auf den ersten Blick keinen Einfluss. Bei genauer Betrachtung fällt aber auf, dass die signifikanten Effekte gemeinsam die gefühlte Temperatur, also das Wärmeempfinden absenken:

  • Hoher Luftdruck (sternklarer Winterhimmel garantiert frühmorgens Frost; Hochdrucknebel hält die Luft feucht und kalt);
  • Hohe Luftfeuchte (bewirkt den Verlust von Körperwärme) und
  • Wind (beseitigt wärmendes Luftpolster auf der Haut).

Im Zusammenwirken verstärkt nasskaltes und wegen kurzer lichter Tage mit wenig Sonnenschein auch tristes Novemberwetter das Schmerzempfinden. Das spüren auch Menschen mit Fibromyalgie. Leider haben die schwedischen Forscher die Zusammenfassung der Temperatureffekte zur „gefühlten Temperatur“ auf Grundlage des Klima-Michel-Modells des Deutschen Wetterdienstes (DWD) versäumt. Sie betrachteten lediglich jeden Wettereinfluss einzeln, obwohl die Parameter gemeinsam das Empfinden und Befinden beeinflussen. So quantifizieren sie die Veränderung der Schmerzbelastung durch das Wetter auf lediglich 20%. Dennoch sind die Forscher davon überzeugt, dass die Ergebnisse „als Ausgangspunkt für ein zukünftiges System dienen, mit dem Patienten ihre Gesundheit durch Schmerzprognosen besser steuern können.“ denn „Dies würde es Menschen mit chronischen Schmerzen ermöglichen, ihre Aktivitäten zu planen und härtere Aufgaben an Tagen zu erledigen, bei denen weniger Schmerzen vorhergesagt werden“. Sie betonen aber auch die methodischen Probleme: „Die Lösung dieser Frage erfordert die Erfassung hochwertiger Symptom- und Wetterdaten einer großen Anzahl von Personen.“

Genau diesen Ansatz verfolgt das Projekt der Deutschen Fibromyalgie Vereinigung (DFV) e.V. und des Deutschen Wetterdienstes (DWD) sowie der österreichischen Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) auf der Internetplattform menschenswetter.de und -.at. Hier können Menschen mit Fibromyalgie Daten zur aktuellen Symptombelastung eintragen („Wie fühlen Sie sich im Vergleich zu gestern“), die dann mit den örtlichen Wetterdaten korreliert werden. Eine erste Auswertung lieferte bereits anschauliche Ergebnisse, doch weitere Teilnehmer sind immer noch willkommen. Es genügt sporadisch Daten einzugeben, auch lückenhafte Tagebücher können ausgewertet werden, sobald zumindest 20 Einträge notiert wurden. Besonders wichtig sind dabei Protokolleinträge, wenn man sich besser fühlt als am Vortag, denn sie sind viel seltener als die vermerkten Verschlechterungen. Gesundheit fällt eben nur dann auf, wenn sie abwesend ist. Doch für eine Fibromyalgie-Wetterprognose ist auch wichtig, wann Betroffene mit einer Entlastung rechnen dürfen - wann es mit großer Wahrscheinlichkeit einen Guten Tag geben wird. Unterstützen Sie uns dabei - vielen Dank!

 

McAlindon, T. et al. (2007): Changes in Barometric Pressure and Ambient Temperature Influence Osteoarthritis Pain. American Journal of Medicine 120 (5): 429 – 434. DOI: 10.1016/j.amjmed.2006.07.036.

Bossema, E.R. et al. (2013): Influence of Weather on Daily Symptoms of Pain and Fatigue in Female Patients With Fibromyalgia: A Multilevel Regression Analysis. Arthritis Care & Research 65 (7): 1019 - 1025, online veröffentlicht 4.6. 2013. DOI: 10.1002/acr.22008.

Westermann, E-M. (2013): Studie leugnet Wetterempfindlichkeit bei FMS-Patienten - Kurzzeitbeobachtung bei Menschen mit Fibromyalgie wenig hilfreich. Menschenswetter Artikel 696, online veröffentlicht 12.6. 2013.

Smedslund, G. et al. (2014): Do weather changes influence pain levels in women with fibromyalgia, and can psychosocial variables moderate these influences? International Journal of Biometeorology 58 (7): 1451–1457. DOI: 10.1007/s00484-013-0747-7.

Dixon, W.G. et al. (2019): How the weather affects the pain of citizen scientists using a smartphone app. npj Digital Medicine 2: 105. DOI: 10.1038/s41746-019-0180-3