Ausrufezeichen?

„Hat Fibromyalgie etwas mit dem Blutzucker zu tun?“ oder „Verursacht die Insulinresistenz Fibromyalgie?“ und „Ist Insulinresistenz die Ursache von Fibromyalgie?“ wecken zuerst Aufmerksamkeit und dann Hoffnung, nun endlich den Auslöser der Erkrankung zu kennen. Stutzig macht jedoch ein Satzzeichen in den Überschriften, das man dort in wissenschaftlichen Publikationen nur sehr selten findet: Das Fragezeichen.

Geht es in der Berichterstattung um Ungewissheiten, schwingt beim Einsatz eines Fragezeichens fast immer der Faktor der Spekulation mit (…). Daher sind Fragezeichen häufiges Mittel in der Sparte der illustrierten Wochenzeitschriften (‚Klatschblätter‘), um faktisch in ihrem Wahrheitsgehalt nicht gedeckte Mitteilungen zu verbreiten, die oftmals auf Gerüchten oder gar bewussten Fehlinterpretationen seitens der Redaktion basieren - so die Charakterisierung der Fragezeichen in Überschriften durch das Journalistikon, das Wörterbuch der Journalistik.

Journalistentrick: Wenn es für ein Ausrufezeichen nicht reicht, nimm’ ein Fragezeichen.

Insofern sind Fragezeichen in der Überschrift für kritische Leser ein Alarmsignal. Besonders auffällig ist der drastische Gegensatz zwischen vollmundiger Aussage „Endlich ist die lang gesuchte die Ursache gefunden“ in manchen Artikeln sogar verknüpft mit dem Versprechen „Bewährtes Medikament (Metformin) kann Schmerzen lindern“ und deren Relativierung durch das Fragezeichen. Blickt man in die Originalarbeit, auf die sich diese Artikel beziehen begegnet einem das Fragezeichen erneut: „ Is insulin resistance the cause of fibromyalgia? A preliminary report.“ Die Autoren bezeichnen ihre Ergebnisse selbst als „Einen vorläufigen Bericht“. Dieser zweite Teil der Originalüberschrift unterstreicht das Fragezeichen und betont die akademische Unsicherheit der Wissenschaftler.

Dabei sind die Ergebnisse der Studie durchaus bemerkenswert. Die Forscher prüften die Hypothese, dass Fibromyalgie mit einer Funktionsstörung der Mikrozirkulation des Gehirns assoziiert ist. Dieses Phänomen tritt auch bei Menschen mit Insulinresistenz auf. Dann reagieren Muskulatur, Fettgewebe und Leber weniger empfindlich auf das Hormon Insulin. Die Wirkung des körpereigenen oder im Rahmen einer Diabetestherapie applizierte Insulins nimmt ab. Dadurch wird die Regulation des Blutzuckerspiegels gestört.

Ein Vergleich von 23 Fibromyalgiepatienten (darunter 21 Frauen) mit großen Gruppen gesunder Altersgenossen ergab eine latente Insulinresistenz aufgrund eines verdeckten Vorstadiums zum Diabetes: „Prädiabetes mit leicht erhöhten Blutzuckerwerten bergen ein erhöhtes Risiko für Schmerzen des zentralen Nervensystems, die eben auch typisch für Patienten mit Fibromyalgie und anderen chronischen Schmerzen sind“.

In einem zweiten Schritt therapierten die Forschen die Fibromyalgie-Patienten mit einem bewährten Medikament gegen Insulinresistenz (Metformin). Die so behandelten Fibromyalgiepatienten berichteten von einer geringeren Schmerzbelastung (numerical pain rating scale, NPRS). In ihrem Fazit verweisen die Forscher darauf, dass Insulinresistenz bereits mit einer Vielzahl von neurologischen Störungen in Verbindung gebracht wird, Fibromyalgie wäre (lediglich) eine weitere. Für die Patienten wäre eine Bestätigung dieser „vorläufigen Ergebnisse“ ein hoffnungsfrohe Perspektive, denn für diese Therapie stehen bereits preiswerte Medikamente zur Verfügung. Doch aufgrund der kurzen Beobachtungszeit und der geringen Patientenzahl sind derzeit noch keine verlässlichen Aussagen über Allgemeingültigkeit und Nachhaltigkeit des positiven Effekts auf die Schmerzbelastung möglich. Bewegungsmangel aufgrund chronischer Schmerzen und Schlafstörungen erhöhen bei Menschen mit Fibromyalgie das Risiko für Übergewicht, Prädiabetes und Insulinresistenz; Medikamente zur Blutzuckerregulation bessern das allgemeine Befinden wodurch auch das Schmerzempfinden sinken kann.

Auch die Pharmazeutische Zeitung (Fachorgan der ABDA, der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände) dämpft die Euphorie: „Noch sind die Forscher vorsichtig. So lautet der Titel der Arbeit auch »Is Fibromyalgia Caused by Insulin Resistance?«. Eine solche Formulierung ist eher untypisch für ein Journal wie PLOS One, das einen beachtlich Impact Faktor (bewertet den Einfluss einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift) ausweist. Größere Studien sind notwendig, um die erstaunliche Hypothese abzusichern.“

Aponet: Hat Fibromyalgie etwas mit dem Blutzucker zu tun?

Niederländische Stiftung „Bewegen ohne Schmerzen“: Verursacht die Insulinresistenz Fibromyalgie?

Gesundheitsstadt Berlin: Ist Insulinresistenz die Ursache von Fibromyalgie?

Pharmazeutische Zeitung: Schon wieder Metformin?

Pappolla, M.A. et al. (2019): Is insulin resistance the cause of fibromyalgia? A preliminary report. PLoS ONE 14 (5): e0216079. DOI: 10.1371/journal.pone.0216079.