Fibromyalgie eine Energiekrise der Zellen?

Auf einer jüngst unter Fibromyalgie-Patienten vielfach geteilte Webseite postuliert ein Arzt für ganzheitliche Medizin: „Aus meiner Sicht ist die Fibromyalgie eine Krankheit des Energiegewinnungssystems der Körperzellen, die mit einer chronischen Übersäuerung der Gewebe einhergeht. Aufgrund des sauren Milieus werden Entzündungsmediatoren vermehrt gebildet, die zu einer Reizung der feinsten sensorischen Nervenfasern führen und somit die Basis für die Schmerzen v.a. im Bewegungsapparat sind.“. Die Autoren der aktuellen S3-Leitlinie „Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie des Fibromyalgiesyndroms (RegNr 145 - 004)“ aus mehreren medizinischen Fachgesellschaften fanden keinen hinreichenden wissenschaftlichen Belege für diese Theorie, der eine Aufnahme in die Leitlinie rechtfertigte oder erzwang.

Der Webseiten-Text postuliert einen kausaler Zusammenhang zwischen Energieversorgung der Zelle - Übersäuerung der Zellen - Reizung feiner Nervenfasern - Muskelkaterschmerzen - Fibromyalgieschmerz. Damit wäre das Fibromyalgiesyndrom ursächlich eine Stoffwechselstörung der Zellen, insbesondere der ATP-Synthese in den Mitochondrien. Dieses ATP ist der universelle Energieträger im Körper, deshalb ist für Mitochondrien auch die Metapher „Kraftwerke der Zellen“ populär. Betroffen wären alle Zellen im Körper mit jeweils rund 1.000 bis 2.000 Mitochondrien bei einem Volumenanteil von 25 % (einzelne Zelltypen können stark abweichen). Muskeln benötigen sehr viel Energien und verbrauchen deshalb lokal sehr viel ATP . Ein genereller ATP-Mangel könnte sich dort eher als anderswo im Körper bemerkbar machen und - vermittelt über die skizzierte Wirkkaskade - Schmerzen verursachen.

Doch läge die Schmerzquelle tatsächlich in der schmerzenden Körperregion, müssten Analgetika (Schmerzmedikamente) helfen, die die Weiterleitung der Schmerzen blockieren. Genau solche Medikamente sind bei Fibromyalgie wirkungslos.

Gut trainierte Muskulatur ist besonders reich an Mitochondrien, sie benötigt besonders viel Energie und bedarf daher besonders viel Grundstoffe um ATP zu bilden. Bei gut trainierten Menschen mit Fibromyalgie müsste der schmerzauslösende Versorgungsmangel und letztendlich der Schmerz während des Trainings und insgesamt früher auftreten als bei anderen FMS-Patienten, die sich konsequent körperlich schonen. Genau das Gegenteil wird beobachtet.

Leider widmet der Text dem Einfluss von Stress auf Hormone und Neurotransmitter, insbesondere des vegetativen Nervensystems und des limbischen Systems, lediglich drei Sätze. Hier wäre Gelegenheit für eine ganzheitliche Betrachtung, die Menschen mit Fibromyalgie helfen könnte. Das Buch der Deutschen Fibromyalgie Vereinigung (DFV) e.V. „Der Fibromyalgie Ratgeber - Trotz Dauerschmerz ein gutes Leben führen“ widmet dem Thema mehrere Kapitel.