Der Bergdoktor behandelt Fibromyalgie

Die ZDF Fernsehserie „Der Bergdoktor“ mit dem Schauspieler Hans Sigl als Dr. Martin Gruber widmet sich in der dritten Folge der 12 Staffel dem Fibromyalgiesyndrom. Es ist gut, wenn das Thema über so eine populäre Sendung einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht wird. Schade nur, dass der vorgestellte Mensch mit Fibromyalgie und die Patientengeschichte so wenig mit der Realität eines normalen Leidenswegs zu tun hat.

Womöglich zwingt diese TV-Geschichte nun viele Betroffene dazu, die dabei verbreiteten Irrtümer und Fehleinschätzungen über Fibromyalgie auszuräumen. Kein leichtes Unterfangen, wenn man gegen die Autorität des Bergdoktors argumentieren muss.

Dabei wird ein psychologischer Effekt wirksam, der schon in normalen Gesprächen Irritation und Frustration bewirkt. Menschen neigen dazu, neue Informationen bekannten Kategorien zuzuordnen. Störende Widersprüche fallen rasch aus dem Gedächtnis. So wird der Begriff „Weichteilrheuma“ für Fibromyalgie haften bleiben, denn auch nicht betroffenen Menschen kennen die Erkrankung „Rheuma“, mit dieser Kategorie können sie sofort etwas anfangen. „Somatoforme Schmerzstörung“ bleibt dagegen auch beim dritten Hören ein Fremdwort und wurde daher auch nicht ausgesprochen.

Hier eine - sicherlich unvollständige - Übersicht der kleinen und großen Unzulänglichkeiten, die unter den Fans des Bergdoktors ein unzutreffendes Bild der Erkrankung Fibromyalgiesyndrom vermittelten (Laufzeit der Szene in Klammern):

  • Der Patient ist männlich und Mitte Dreißig; typische FMS-Patienten sind weiblich und zeigen das Vollbild der Erkrankung mit Mitte Vierzig (10:30)
  • Der Griff zum Knie signalisiert einen lokal eng begrenzten, funktionellen Schmerz; typische FMS-Schmerzen verteilen sich über den Körper und sind nicht auf eine mechanische Belastung zurückzuführen (10:30) (11:25)
  • Der Patient klagt über Schmerzen in den Gelenken; typische FMS-Schmerzen betreffen eher die Muskeln und die Sehnen am Ende der Muskeln (Die Beschreibung der Charakteristik der Schmerzen entspricht typischen FMS-Schmerzen) (11:10)
  • Der Bergdoktor ertastet bei diesem untypischen, extrem sportlichen Patienten sofort die Tenderpoints (die hier Triggerpunkte genannt werden); auf diesen diagnostischen Kniff müssen typische FMS-Patienten oft jahrelang warten (12:15)
  • Beim Verdacht auf Fibromyalgie will der Bergdoktor Schmerzmittel verschreiben; das wäre schon fast ein Kunstfehler (11:28)
  • Das Psychische Trauma liegt lediglich zwei Jahre zurück; die bei vielen FMS-Patienten vorliegenden psychischen, sozialen, selten somatischen Traumata liegen zumeist Jahrzehnte vor dem Auftreten erster FMS-Symptome. Der berufliche und private Stress sowie die Bereitschaft es anderen unbedingt recht zu machen ist dagegen realitätsnah. (18:00) (24:45)
  • Schmerzmittelabhängigkeit ist für Menschen mit Fibromyalgie ein wichtiges Thema; doch zumeist ist dies Folge eines nicht erkannten FMS oder einer unangemessenen (am dreistufigen Rahmenschema klassischer Schmerztherapie orientierten) FMS-Therapie (24:00)
  • „Depressionen“ werden genannt, richtig wäre bei Würdigung der geschilderten Umstände wohl eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS); Menschen mit Fibromyalgie kennen depressive Stimmung und deren Symptome (Antriebsschwäche, Konzentrationsprobleme) doch diese ist keine echte Depression oder PTBS. (25:40)
  • „Sie fahren jetzt direkt die Klinik und machen Röntgen und CT“; es wäre schön, wenn ein FMS-Patient das auch einmal erleben dürfte (27:45)
  • Schon am zweiten Tag nennt der Bergdoktor die Diagnose „Fibromyalgie“; darauf warten echte Patienten jahrelang (29:30)
  • An dritten Tag steht die Diagnose Fibromyalgie schon fest (aufgrund 13 von 18 sensiblen Tenederpoints - nun korrekt benannt), sofern eine Borreliose ausgeschlossen werden kann; das ist unrealistisch rasch (45:30)
  • Fibromyalgie wird als „Weichteilrheuma“ bezeichnet (ein anderes Wort dafür), das allerdings kein Rheuma sei; die Zuschauer werden sich diesen falschen Begriff als Synonym merken (45:45)
  • Man kann Fibromyalgie nicht heilen aber behandeln, machmal gehen die Schmerzen auch zurück; richtig wäre zu differenzieren, dass man Fibromyalgie nicht behandeln kann, sondern lediglich die Symptome lindern (45:50)
  • „Sie bekommen Schmerzmittel und Antidepressiva, Sie müssen den Stress deutlich rausnehmen aus Ihrem Leben, weniger leistungsorientiert denken und leben“; das ist eine gute Beschreibung, wäre da nicht der Hinweis auf Schmerzmittel und das missverständliche Nennen von Antidepressiva - diese werden lediglich in sehr geringer Dosis verordnet (ca 10% Wirkstoff gegenüber Depressionstherapie), Menschen mit FMS werden nicht gegen Depression behandelt (46:19)
  • Gute Darstellung einer Ausschlußdiagnose; man darf auch mal loben (46:30)
  • Zusammenbruch mit Bewusstlosigkeit durch Kreislaufschock „bei einer rheumatische Grunderkrankung wie Fibromyalgie kommt es zu einer Ausschüttung von Vasodilatatoren“ „Was den Verdacht auf Fibromyalgie bestätigen würde“ „Genau“; doch Fibromyalgie ist keine rheumatische Erkrankung und solche Zusammenbrüche kein typisches Symptom (51:30)
  • Die Diagnose Fibromyalgie steht am vierten Tag bereits fest; rekordverdächtig (56:20)
  • „Sie müssen Schmerzmittel nehmen“; das stimmt so nicht, passt aber schön in die Dramatik der anderen Erzählungen dieser Bergdoktor-Folge (56:35)
  • Patient krümmt sich vor Schmerzen und massiert seine Muskeln; typische FMS-Schmerzen werden von den Patienten nicht mit Muskelkneten beantwortet, das würde den Schmerz verstärken (1:04:05)
  • „Ich schätze, ich muss meine Krankheit, diese Fibromyalgie, ich muss wohl akzeptieren, dass sie in meinem Leben ist“ „Ich werde in die Schmerzklinik gehen“; das ist ein gutes Abschlußstatement, denn diesen Schritt, diese innere Bereitschaft wird von jedem Patienten gefordert - wenn auch weniger theatralisch (1:18:01)