Achtsamkeit richtig verstehen und erfolgreich anwenden

Menschen mit Fibromyalgie wird neben Sport und Entspannungsübungen auch immer wieder „Achtsamkeit“ empfohlen. In einem aufschlussreichen Interview erläutert der Psychologe Prof. Dr. Thomas Joiner von der Florida State University in Tallahassee was man genau unter Achtsamkeit versteht und wie dieses Konzept helfen kann. Dabei warnt er: „Achtsamkeit ist nichts, was man aus dem Stegreif beherrscht, es bedarf vielmehr einer genauen Anleitung und längerer Übung.“

Prof. Joiner ist kein euphorischer Befürworter der Achtsamkeitsübungen, die kritische Distanz macht sein positives Plädoyer um so glaubwürdiger. So bemängelt er die „niedrigen methodischen Standards“ vieler Achtsamkeitsstudien, „die strengeren wissenschaftlichen Kriterien nicht standhalten“ da sie sich auf „zu kleine Stichproben, keine Kontrollgruppen oder winzige Effekte“ stützen. Da aber „alles, wo Achtsamkeit draufsteht, so gut ankommt, wird es trotzdem publiziert. In der Öffentlichkeit gilt das dann freilich, weil es in einem Forschungsjournal steht, als bewiesene Tatsache.“

Zudem sei um dem Begriff „Achtsamkeit“ inzwischen eine regelrechte Industrie entstanden „man findet Achtsamkeitsangebote, wo man nur hinsieht: Achtsamkeit für Autofahrer, Achtsamkeit für Schwangere, achtsam kochen, achtsam kommunizieren, achtsam gärtnern“ Mit dem ursprünglichen Konzept habe all das nur wenig zu tun. „Der gegenwärtige Hype um die Achtsamkeit stellt den Einzelnen und sein Befinden in den Mittelpunkt.“ Das sei jedoch ein fundamentales Missverständnis, denn „es geht dabei nicht um das eigene Ego, nicht um ständige Beschäftigung mit sich selbst und die Konzentration auf das eigene Denken und Fühlen. Das Gegenteil ist der Fall.“ „In der Achtsamkeitspraxis fokussiert man eigentlich auf gar nichts. Man lässt die Gedanken vorbeiziehen, ohne sie zu bewerten.“ „Der heilsame Effekt dieser Selbst-Distanzierung beruht darauf, dass sie das automatische Beurteilen und Bewerten ausschaltet.“

Das Forschungsgebiet von Prof. Joiner ist die Suizidprävention bei Menschen mit schwerer Depression. Insofern sind die Ansprüche an den Erfolg von Achtsamkeitstechniken besonders hoch und schwer zu erfüllen. Für Menschen mit Fibromyalgie gilt „Die grundlegende Einsicht, dass unsere Gefühle und Gedanken nicht die Realität sind, sondern diese nur widerspiegeln, ist oft sehr hilfreich.“ So kann die „Übung im aufmerksamen, aber distanzierten Wahrnehmen der eigenen Regungen“ dabei helfen, die stressverstärkende Alarmwirkung von Schmerz zu reduzieren.