Was ist eigentlich Positive Psychotherapie?

|   Optimisten 03/2016

Rezitation eines Vortrags von Prof. Nossrat Peseschkian und 
Ausführung des Modells der Positiven Psychotherapie

Mechthild Gesmann, Westfälisches Institut für Positive Psychotherapie und Beratung, Bad Salzuflen

Ein Schwimmtrainer hat am Ende der Saison das Ergebnis seiner und der Arbeit seiner Mannschaft zusammengefasst und sagte: „Unsere Mannschaft hat zwar nicht gewonnen, aber es ist auch keiner ertrunken.“ In diesem Beispiel wird deutlich, dass dieser Schwimmtrainer in der Lage war zu differenzieren was positiv ist. Er hat sowohl die negativen Aspekte sehen können wie auch die positiven:  was ist passiert, was ist noch nicht passiert und was hätte passieren können.

Ich möchte Ihnen anhand eines Bildes die Situation eines kranken Menschen erläutern: Die Situation des Kranken - und nicht nur des psychisch Kranken - gleicht in vieler Hinsicht der eines Menschen, der über längere Zeit hinweg nur auf einem Bein steht. Stellen Sie sich bitte vor, dass jemand auf einem Bein steht: Nach einiger Zeit verkrampfen sich die Muskeln, das belastete Bein beginnt zu schmerzen, er ist kaum mehr in der Lage, das Gleichgewicht zu halten. Doch nicht nur das Bein schmerzt, die gesamte Muskulatur beginnt sich in dieser ungewohnten Haltung zu verspannen und zu verkrampfen. Der Leidensdruck wird unerträglich. Der Mensch schreit um Hilfe. 

In dieser Situation treffen ihn verschiedene Helfer an. Während er weiter auf dem einen Bein stehen bleibt, beginnt ein Helfer das belastete und kranke Bein zu massieren. Ein anderer nimmt sich die verkrampfte Nackenpartie vor und walkt sie nach allen Regeln der Kunst durch. Ein dritter Helfer sieht, dass der Mensch sein Gleichgewicht zu verlieren droht und bietet ihm seinen Arm als Stütze an. Von den Umstehenden kommt der Rat, der Mensch solle vielleicht die beiden Hände zur Hilfe nehmen, damit ihm das Stehen nicht mehr so schwer falle. Ein weiser alter Mann schlägt vor, er solle daran denken wie gut er es eigentlich hat, wenn er sich mit Menschen vergleicht, die überhaupt keine Beine besitzen. Beschwörend redet schließlich einer auf ihn ein, er solle sich vorstellen, er sei nur eine Feder und je intensiver er sich darauf konzentriere, umso mehr würden seine Leiden nachlassen. Ein abgeklärter Alter setzt wohlmeinend hinzu: „Kommt Zeit, kommt Rat.“ 

Nach einiger Zeit geht ein Zuschauer auf den Leidenden zu und fragt ihn: „Warum stehst du auf einem Bein?  Mach doch das andere Bein gerade und stelle dich darauf. Du hast doch ein zweites Bein.“ 

Genau dieses ist Positive Psychotherapie. 

Während viele der bestehenden psychotherapeutischen Verfahren von Störungen und Krankheiten ausgehen, erfordert die vorbeugende, präventive Medizin und Psychotherapie eine andere Vorgehensweise.  Bei dieser Betrachtungsweise wird statt von Störungen zunächst von den Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten der Menschen ausgegangen.

Was ist das O.B.-Prinzip?

Die Tradition der Psychotherapie bezieht ihr Menschenbild aus der Psychopathologie. Ihr Gegenstand sind daher Krankheiten. Ziel einer Behandlung ist die Beseitigung von Krankheiten in ähnlicher Weise wie man in der Chirurgie ein krankes Organ entfernt. Insofern steht die Psychotherapie in guter Tradition. Man beschäftigt sich mit Depressionen, Angstneurosen, Schizophrenie, Hysterie, Angst, Aggressionen, Verhaltensauffälligkeiten und psychosomatischen Erkrankungen wie Asthma, Kopfschmerzen, Herzschmerzen, Magenbeschwerden, Unterleibsschmerzen. Dies hat zunächst seine Richtigkeit. Ein Patient sucht seinen Therapeuten in den wenigsten Fällen nur deshalb auf, weil er seine Gesundheit bestätigt haben möchte. Vielmehr sucht er ihn auf, weil Funktionen und Organe gestört sind und er diese Störungen behoben haben möchte. Von diesem praktischen Ansatz her entwickelte die Medizin das Ohne-Befund-Prinzip bzw. o.B., nachdem alles das gesund ist was nicht krank ist und umgekehrt. Während viele psychotherapeutische Verfahren von Störungen und Krankheiten ausgehen, erfordert die vorbeugende, präventive Medizin und Psychotherapie eine andere Vorgehensweise. Es wird dort statt von den Störungen von den Fähigkeiten und den Entwicklungsmöglichkeiten der Menschen ausgegangen.

Die positive (ganzheitliche) Herangehensweise

In der präventiven Medizin und Psychotherapie folgen wir einem salutogenetischen Menschenbild. Der Patient ist nicht als Träger von Symptomen zu sehen, sondern er hat beides in sich: die Fähigkeit zur Gesundheit und zur Krankheit. Der Arzt oder Therapeut wiederum ist nicht nur als Vertreter der Institution Gesundheit zu sehen, sondern er versucht den Patienten möglichst umfassend zu begreifen. Die Positive Psychotherapie folgt somit dem Prinzip „Das heiße Eisen vom kühlen Ende her anfassen“. Patienten sind meist auf ihre Symptome und ihre Krankheit einseitig fixiert und ihr Blick ist eingeengt, da sie die Probleme und Symptome als Legitimation für sich sehen, therapeutische Hilfe aufzusuchen. Aufgabe des Arztes oder Therapeuten ist es daher besonders zu Beginn einer Therapie, diese „Problemtrance“ aufzulockern und Patienten von ihren Konflikten und Problemen zu distanzieren. Dieses ist die erste Phase der Behandlung. Wir gehen schrittweise nach einem fünfstufigen Modell vor und beziehen von Anfang an die Selbsthilfemöglichkeiten unserer Patienten mit ein. Dazu gehört es auch, die bisherigen Strategien der Lebens- und Konfliktbewältigung zu erfragen, um diese als gelungene Lebensbereiche zu verstärken. Krankheiten entstehen, so verstanden, ja erst durch die Einseitigkeit der angewandten Strategien und durch einseitige Betonung von Formen der Konfliktverarbeitung. Indem wir den ganzen Menschen in allen vier Lebensbereichen begreifen, eröffnet sich durch den Dialog für ihn wieder eine ganzheitliche Wahrnehmung seiner selbst.

Hilfreich für die Reflexion von Missverständnissen und Alltagskonflikten sind die Methoden der Positiven Psychotherapie, insbesondere die Anwendung von Geschichten und Lebensweisheiten, die die Fantasie des Patienten anregen und ihm eine Perspektiverweiterung oder auch einen Perspektivwechsel anbieten.

Mechthild Gesmann

Fachärztin für Innere Medizin, 
Psychosomatische Medizin und 
Schmerztherapie

Auf dem Dreische 44
32049 Herford