Was ist Fibromyalgie?
Fibromyalgie (Faser-Muskel-Schmerz) ist eine schwere chronische, bis jetzt noch nicht heilbare Erkrankung, die durch weit verbreitete Schmerzen mit wechselnder Lokalisation in der Muskulatur, um die Gelenke und Rückenschmerzen und auch Druckschmerzempfindlichkeit (dazu weiteres unter Diagnose) sowie Begleitsymptomen wie u. a. Müdigkeit, Schlafstörungen, Morgensteifigkeit, Konzentrations- und Antriebsschwäche, Wetterfühligkeit, Schwellungen von Händen, Füßen und Gesicht und vielen weiteren Symptomen charakterisiert sind.
Wie viele Menschen leiden unter Fibromyalgie?
Laut einer der US-Regierung vorliegenden Studie haben 2% der Bevölkerung eine gesicherte Diagnose „Fibromyalgie“. Auf Deutschland bezogen sind dies ca. 1,6 bis 2,4 Millionen Betroffene.
Anderen Schätzungen nach sollen sogar 3-5 % der Bevölkerung betroffen sein. In erster Linie findet man darunter Frauen, aber auch Kinder und Senioren. Das Verhältnis Frauen zu Männern ist 8:2.
Was verursacht Fibromyalgie?
Obwohl die Ursachen der Fibromyalgie bis heute unbekannt sind, haben Forscher einige Theorien gewonnen und dargelegt. Einige Wissenschaftler gehen von einer primären und sekundären Fibromyalgie aus, wobei bei der primären Fibromyalgie die Ursachen weitgehend unbekannt sind. Angenommen werden u. a. eine genetische Disposition (Fibromyalgie kommt häufig im Familien vor, Studien dazu sind in Vorbereitung), eine gestörte Schmerzverarbeitung und veränderte Schmerzwahrnehmung, hormonelle Störungen, eine Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse sowie des Wachstumshormon-Systems, Veränderungen des dopaminergen sowie des Serotoninsystems, psychische Faktoren sowie psychosozialer Stress und eventuell Veränderungen im Immunsystem. Bei der sekundären Fibromyalgie wird davon ausgegangen, dass eine andere Erkrankung voraus gegangen ist, welche die Fibromyalgie ausgelöst hat, z. B. durch eine Verletzung oder Operation, seelische oder körperliche Traumata und orthopädische Erkrankungen.
Wie wird Fibromyalgie diagnostiziert?
Fibromyalgie lässt sich nur schwer diagnostizieren, da ein Großteil der Symptome andere Erkrankungen imitieren. Die Symptome der Fibromyalgie können viele weitere ärztliche Fachgebiete betreffen.
Weitere mögliche Erkrankungen bei Symptomen, die der Fibromyalgie ähnlich sein können:
Chronisches Erschöpfungs-Syndrom (CFS)
Polymyositis / Dermatomyositis
Eosinophilie-Myalgie-Syndrom (EMS)
Polymayalgie rheumatica
Um die Diagnose der Fibromyalgie zu stellen, bezieht sich der untersuchende Arzt auf die Anamnese (bisherige Krankengeschichte), führt körperliche sowie Laboruntersuchungen durch, um andere Erkrankungen auszuschließen. Wobei erwähnt werden muss, dass die Diagnose der Fibromyalgie weitere Krankheiten nicht ausschließt, und stellt seine Diagnose, basierend auf den ACR-Kriterien (American College of Rheumatology = ACR): weit verbreiteten Schmerzen, die länger als drei Monate anhalten in Verbindung mit der bereits angeführten Druckschmerzempfindlichkeit ( Tenderpoints), von denen 11 von 18 auf Druckschmerz empfindlich reagieren müssen. Des Weiteren ist auch eine Erfassung der Begleitsymptome wichtig, wie die größte europäische Studie (Nov. 2007, Was sind die Kernsymptome des Fibromyalgiesyndroms? Ein faktorenanalytischer Ansatz) aufzeigt.
Fibromyalgie = Weichteilrheuma?
Leider wird noch oft „Weichteilrheumatismus“ mit der Fibromyalgie (chronische Schmerzerkrankung) gleichgesetzt. Eine solche Betrachtungsweise ist verwirrend, vermehrt die Möglichkeit der Fehldiagnosen und auch falschen Behandlungen. Aus diesem Grund empfehlen wir, die Diagnose durch erfahrene Ärzte stellen zu lassen, die mit dem Krankheitsbild vertraut sind.
In der internationalen Nomenklatur der Erkrankungen (IDC 10) der WHO (neueste Ausgabe 2008) wird die Fibromyalgie unter Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes geführt unter M 79.7- (Sonstige Krankheiten des Weichteilgewebes, anderenorts nicht klassifiziert). Hingewiesen wird separat: Exklusiv: psychogene Schmerzen im Weichteilgewebe und exklusiv Rheumatismus.
Wie wird Fibromyalgie behandelt?
Die Behandlung der Fibromyalgie erfordert ein umfassendes und multimodales Behandlungskonzept. Die behandelnden Ärzte, der Physiotherapeut, ggf. auch Psychotherapeut sollten Hand in Hand mit dem Patienten eine geeignete, individuelle Therapie zur Krankheits- und Schmerzbewältigung zusammenstellen. Fibromyalgie-Patienten können von einer Kombination aus Bewegungstherapie, Medikamenten, individueller physikalischer Therapie, Entspannungsverfahren und falls notwendig Psychotherapie profitieren. Besonders empfohlen (vorliegende Studien) wird das MTT (Medizinische Trainings-Therapie). Des Weiteren werden Wärmebehandlungen (z. B. Ganzköerper-Wärmetherapie, Sandbank, Infrarot-Wärmekabine) als sehr gut empfunden, wohin gegen Patienten auch über Erfolge bei Kältetherapien (Kältekammer bis – 110 Grad) berichten. Feuchte Kälte- oder Wärmeanwendungen haben sich als negativ erwiesen. Bei Schwellungsgefühlen der Arme und Beine bringen Lymphdrainagen Linderung, Viele Betroffene berichten auch über gute Erfahrungen mit Schwimmen und leichten Spaziergängen. Alternative Verfahren erfreuen sich immer größerer Beliebtheit bei den Patienten wie z. B. TCM, Homöopathie, Ernährungsumstellungen, verschiedene Körpertherapien.
Medikamentöse Therapien beschränken sich in Deutschland z. Z. auf trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin), Serotoninwiederaufnahmehemmer (z. B. Fluoxetin), duale Antidepressiva (z. B. Duloxetin, Milnacipran). In den USA wurde erstmals Pregabalin (Antikonvulsivum) bei Fibromyalgie zugelassen. In Deutschland gibt es noch keine Medikamente, die speziell bei Fibromyalgie zugelassen sind.
Hilfreich könnten auch bei gleichzeitigen Verspannungen Muskelrelxantien sein. Zur Schmerzbehandlung werden hauptsächlich Opioide eingesetzt, einfache Schmerzmittel sind oft nicht hilfreich.
Tropisetron (5-HT3-Rezeptorantagonisten) werden mitunter kurzfristig in Form von Injektionen eingesetzt.
Cortison und sonstige Rheumamittel werden bei Fibromyalgie nicht eingesetzt.
Welche Forschungen wurden und werden hinsichtlich der Fibromyalgie betrieben?
Nur in den USA unterstützt NIAMS (ein Bestandteil des „National Institutes of Health“ - National Institute of Arthritis and Muscoskeletal and Skin-Deseases) Forschungen, die das Verständnis für die spezifischen Abnormitäten, die die Fibromyalgie verursachen und unterhalten, verbessern. Dies geschah in der Hoffnung, bessere Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten zu finden.
Studien des NIAMS zeigen bei Fibromyalgie-Patienten einen abnorm niedrigen Cortisol-Spiegel im Urin. In Brightham, in der Frauenklinik Boston, in Massachusetts und an der University of Michigan Center in Ann Arbor untersuchten Forscher die Regulation und Funktion der Nebenniere (sie produziert Cortisol) bei Fibromyalgie-Patienten. Menschen, bei denen im Körper zu wenig Cortisol freigesetzt wird, zeigen viele der fibromyalgietypischen Symptome. Es besteht die Hoffnung, dass diese Studien zu einem besseren Verständnis für die Fibromyalgie-Erkrankung führen und dass sich somit bald neue Behandlungsmöglichkeiten ergeben. Andere NIAMS-Forschungsstudien blicken auf die verschiedenen Aspekte bei der Fibromyalgie. In der University of Alabama in Birmingham konzentrieren sich die Forscher auf die Frage, inwiefern die verschiedenen Gehirnstrukturen auf die schmerzhafte Symptomatik Einfluss nehmen. Forscher der Vanderbilt University in Nashville/Tennessee verwenden die Kernspintomographie (MRT) und Magnetresonanzspektroskopie (MRS), um FMS-Patienten zu studieren. MRT und MRS sind sinnvolle Hilfsmittel, um Muskelerkrankungen zu diagnostizieren sowie die Muskelfunktion zu beurteilen. Im New York Medical College in Valhalla erforschen die Wissenschaftler die Ursachen einer "Chronischen Lyme-Krankheit" als Modell für Fibromyalgie. Einige Patienten entwickeln eine fibromyalgieähnliche Erkrankung nach einer Borreliose, das ist eine Infektionskrankheit, welche mit Lyme-Arthritis und anderen Symptomen assoziiert werden kann. Die vom NIAMS geförderten Forschungsarbeiten beinhalten ebenfalls einige Projekte am Institute's Multipurpose Arthritis and Muskeloskeletal Diseases Center. Die Forscher untersuchen dort Personen, die keine medizinische Hilfe suchen und trotzdem die Kriterien einer Fi
bromyalgie erfüllen. Diese Menschen wurden über die Medien der USA darum gebeten, sich für Studienzwecke zu melden, falls sie an unklaren Schmerzen am ganzen Körper leiden. Andere Studien an diesem Zentrum sollen neue Schmerzbewältigungsstrategien im Sinne von Verhaltenstraining und Entspannungsverfahren entwickeln.
NIAMS fördert und unterstützt klinische Grundlagenforschung, welche das Verständnis für die Fibromyalgie-Erkrankung verbessern soll. Wie auch immer, es bedarf eines erheblich größeren Forschungsaufwandes, um Fibromyalgie früher zu diagnostizieren und erfolgreicher therapieren zu können. Heute dauert es statistisch ca. 4 - 8 Jahre vom Auftreten der Fibromyalgie bis zur Diagnose.
NIAMS führt und koordiniert die staatlichen bio-medizinischen Leistungen für Arthritis, Muskel-, Knochen- und Hauterkrankungen, indem Forschungsprojekte unterstützt werden, Forschung und klinische Versuche sowie epidemiologische Studien gefördert werden und NIAMS verteilt Informationen über die Forschungsprojekte und Ergebnisse.
Prof. D. J. Clauw (Washington, DC) geht auf dem Rheumatologenkongress in Philadelphia 2000 von falschen Abläufen im Gehirn aus. Die Ursache der generalisierten Störung sei im Nervensystem zu suchen und nicht in den Muskeln selbst. Ein erhöhter Spiegel von Substanzen, wie NGF im Liquor, ist offenbar mit den Schmerzen und der Hyperalgesie assoziiert.
Im deutschsprachigen Raum wurde an verschiedenen Stellen geforscht, u. a. in München (Prof. Dr. med. D. Pongratz/ Dr. med. Späth), in Bad Säckingen (Prof. Dr. med. W. Müller/Dr. med. Stratz), in Bad Liebenwerda (Dr. med. Engel) und Zürich (Dr. med. Sprotte).
Forschungen im deutschsprachigen Raum ergaben neben den bislang bekannten Laborwerten z.B.:
Niedrige Carnitin-Werte in der Muskulatur (Prof. Dr. D. Pongratz/ Dr. M. Späth, München)
Substanz P in der Muskulatur, Substanz-P-Erhöhung in freien Nervenendigungen des Muskels bei Fibromyalgie (sonst nur im Liquor zu finden) (Prof. D. Pongratz, München)
Substanz P im Hinterhorn (S. Mense, Heidelberg)
Kältere Hautoberfläche an den Tender-Points als an der umgebenden Haut (Dr. med. Engel, Bad Liebenwerda)
Verminderte Blutdurchlaufgeschwindigkeit im Bereich der Tender-Points (Dr. Haiko Sprotte, Zürich)
Gene, die auf eine Vererbung hinweisen (Prof. Yunus, USA, und Prof. Dr. Pongratz, München)
Pathologische Veränderungen des Muskelgewebes (Prof. Dr. med. D. Pongratz, München)
Feststehende Kriterien für Fibromyalgie-Untergruppen (Dr. med. Stratz, Bad Säckingen)
Hohe Antikörper-Werte gegen Serotonin, Ganglioside, Phospholipide (u.a. Prof. P. A. Berg, Tübingen)
Fibromyalgie: Eine aktuelle Standortbestimmung - Biochemische Aspekte zur Pathogenese: Serotonin im Serum erniedrigt
- Dysregulation der HPA-Achse
- Substance P evtl. auch im Skelettmuskelquantitativ vermehrt
(Prof. Dr. D. Pongratz, München, 2006)